Funkverkehr in den VTGs – Wie verhalte ich mich?

Funkverkehr in den VTGs – Wie verhalte ich mich?

Muss ich mich am Funkverkehr in den VTGs beteiligen?

Irgendwann hat jeder Segler ihn in der Tasche: Du hast Deinen Funkschein und kannst im Schlaf Notrufe absetzen. Mayday, PanPan und Securité sind für dich keine Fremdwörter mehr. Den Kanal 16 und den roten Knopf findest du blind.

 

Funkgerät-Furuno-fm-4800

Was ist aber mit den ganzen anderen Funktionen am UKW-Funkgerät?

Ich gebe es gerne zu: Ich hatte den Funkschein frisch in der Tasche und als die nächste Segelsaison wieder anfing, hatte mein Siebhirn alles vergessen. Jahrelang ruhte ich mich auf den Status einer „nur Mit-Seglerin“ aus, und verließ mich auf andere. Irgendeiner wird wohl damit umgehen können. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich mit immer kleineren Crews unterwegs war. Schließlich segelte ich hauptsächlich double handed, und das bedeutete auch die direkte Auseinandersetzung mit dem Funkverkehr.

Wieso ist das UKW-Funkgerät nützlich?

Natürlich kann man auf Kanal 16 auch Infos über die jeweiligen Wettervorhersagen auf den relevanten Kanälen erhalten. Wichtig ist „die Quatsche“ vor allem in stark befahrenen Seegebieten und VTGs wie vor Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen oder im Englischen Kanal. Inzwischen beherrsche ich die „Funk-Sprache“ und mache mir einen Spaß daraus, jede Dienststelle bei Eintritt in ein Fahrgebiet über mein Eintreten in ihr Territorium zu informieren. Siehe da, die diensthabende Funker in den Traffic Control Centern sind für diese Information dankbar, vor allem bei Nebel oder Nachts. Sie prüfen meinen Standort und teilen mir ggf. CPA´s (closest point to approach) zu anderen Fahrzeugen mit. Diese CPA´s sehe ich natürlich auf meinem Bordrechner auch, aber es ist immer beruhigend zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die die Situation beobachtet.

maas-approach
Abb. 1
VTGs-rotterdam
Abb. 2
wandelaar-approach
Abb. 3

Funkverhalten am Beispiel VTG Maas und Wandelaar Approach

Wie gehe ich also vor? Nehmen wir mal das Beispiel von unserer Fahrt von Ijmuiden nach Boulogne-sur-Mer. Da Jan und ich uns immer Strecken vornehmen, die auch mindestens eine Nachtfahrt beinhalten, haben wir beide Nachts Wache. All Hands on Deck, jedenfalls in VTGs.

Auf Abbildung 1 und 2 siehst du zwei alte Tracks auf iSailor, auf dem einen Track queren wir das VTG tagsüber vorschriftsgemäß im 90°-Winkel. Da es hell war und die Sicht hervorragend, haben wir uns nicht angemeldet. Der zweite Track geht quer durch Maas Centre, ein Gebiet außerhalb des VTGs, aber mit vielen Pilot-Schiffen, die die Lotsen an oder von Bord der Containerschiffen bringen oder holen. Viel Bewegung also – manche rasen mit Höchstgeschwindigkeit durch dieses Gebiet, manche liegen einfach nur rum (bei 0,5 kn Speed immer noch in Fahrt befindlich) und warten auf Einsatz. In der zweiten Abbildung siehst du einen kleinen Haken im unteren Track. Die gleiche Situation mit Kursänderung ist auf dem 3. Bild zu sehen. In beiden Fällen waren wir Nachts mit verminderter Sicht unterwegs.

Wie gehe ich vor?

Ich suche auf der Karte das zuständige Control Center. Auf Bild 3 war das z. B. Wandelaar Approach auf VHF 60. Siehe Bild 3 unten. Ich notiere mir einen Punkt, woher ich komme, das können Koordinaten sein oder eine Untiefentonne in diesem Fall. Ich notiere meinen Kurs, die Geschwindigkeit (das sehen die zwar auch alle, aber es fühlt sich professionell an :-)) und wohin ich will. Also wo ich das Gebiet verlassen will. Ich gehe auf Kanal 60.

ICH: Wandelaar Approach for Roaring Forty. (Ganz gelassen und 1x reicht: Bitte nicht 3x, das ist peinlich – mein Heimvorteil ist hier übrigens die niederländische Sprache, aber es geht auch auf Englisch)

WA (meldet sich sofort auf niederländisch – sinngemäß): Roaring Forty – Wandelaar Approach, guten Abend, sprechen Sie.

ICH: Wir sind ein Fahrzeug unter Segel ohne Motoreinsatz. Ich komme jetzt nördlich der Untiefentonne OHR2 in Ihr Gebiet, behalte den Kurs bei und möchte südlich des VTGs Richtung Calais.

WA: Überhaupt kein Problem, ich sehe da keine Schwierigkeiten. Fahren Sie Ihren Kurs fort.

ICH: Vielen Dank und gute Wache

WA: Gute Fahrt.

—  Etwas später haben wir ihn wieder angefunkt, weil uns der lange Schlag durch diesen Knotenpunkt im VTG zu unsicher schien. —

ICH: Wandelaar Approach for Roaring Forty.

WA: Roaring Forty sprechen Sie.

ICH: Wir nähern uns bei Westhinder das VTG Kreuz und würden gerne bei Fairy Banks den Kurs ändern und das Fahrwasser in Richtung Untiefentonne Bergues Bk-N kreuzen. Sehen Sie ein Problem?

WA: Kein Problem, all clear

Maas Control

Der kleine Haken auf der 2. Abbildung ist entstanden, nachdem wir ein entgegenkommendes Fahrzeug hatten und das CPA immer kleiner wurde. Wir wussten aus dem Funkverkehr auf dem Kanal, dass das Fahrzeug ein Schlepper war, der sich ebenfalls angemeldet hatte. Der Funkverkehr unterschied sich nur von unserem Standard-Vorgehen, weil wir nach der Anmeldung vom Control Center darauf aufmerksam gemacht wurden, dass das entgegenkommende Fahrzeug ein Schlepper ist mit 2 Schuten à 400 Meter! Wir sollten den Motor anmachen und sehen, dass wir Platz machen. Das sieht man auf dem Plotter natürlich nicht, eventuell wenn man einen Radar an Bord hat. Wir haben daraufhin mit dem Schlepper Kontakt aufgenommen.

ICH: Schlepper XYZ for Roaring Forty

— keine Antwort —

ICH: Schlepper XYZ for Roaring Forty

Schlepper: Roaring Forty Schlepper XYZ

ICH (auf niederländisch): Wir sind ein Fahrzeug unter Segel ohne Motoreinsatz, xx nm östlich von Ihnen. Haben Sie uns auf Ihrem Bildschirm?

Schlepper: Ja ich habe Sie. Unser CPA zeigt xx nm. Wir sind auf Kollisionskurs. Beachten Sie, dass ich 2 Schuten von je 400 m hinten dran habe. Ich kann nicht ausweichen, das kostet mich eine Stunde.

ICH: Wir können anluven und mit Kurs 180° das Fahrwasser verlassen, wäre das eine Option? (Keine Panik und immer freundlich)

Schlepper: Das sieht gut aus, dann haben wir kein Problem.

ICH: Vielen Dank und gute Wache

WA: Gute Fahrt.

So einfach ist das.

Anschließend habe ich das Control Center auch noch über unsere Kursänderung informiert, obwohl die alles mithören. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie diese Informationen dankbar annehmen. Der Ton fällt deutlich unangenehmer aus, wenn man sich nicht meldet. Wir sind auch schon mal für alle auf den Kanal hörbar zur Sau gemacht worden, weil wir quer durch ein Pilot-Gebiet (Lotsen) gesegelt sind.

Am nächsten Tag sind wir entspannt um das Cap Gris Nez gesegelt und nach Boulogne eingelaufen. Natürlich hatten wir den Zoll auch mal wieder an Bord und dafür ist das Funkgerät auch gedacht 🙂 Der Zoll kommt uns gerne besuchen. Total nervig … Wer das mit uns üben möchte, findet hier bestimmt einen passenden Törn.

Zoll an Bord

Einfahrt BoulogneBoulogne bei Ebbe

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